In Wartesälen des Lebens

in wartesälen des lebens

In der Eigenheim Block Siedlung kommen wir in Strumpfhosen zu langen Brettspieltreffen zusammen. Das Handy ist noch jahrzehntelang nicht erfunden. Farben sind herbstlich – orange – braun – gedimmt. Bei diesen Brettspielen wird gekauft und verkauft. Es gibt Ereigniskarten und Statussymbole. Als Kleinkind war mir der Hintergrund von Statussymbolen genau so wenig klar, wie „Gott sei dank“, was ich in einem Wort zu sagte pflegte, wenn ich noch mal Glück gehabt hatte und nicht mit sporadischen Kirchenbesuchen in Verbindung brachte. Wir saßen zu viert oder fünft auf dem Fußboden. Zum Schluss wurde gezählt. Wer am meisten Geld und Immobilien hatte. Rückblickend würde ich das als Sterbebilanzierung bezeichnen. Was kann das denn anderes sein als der Tod, wenn Schluss im Spiel ist?

Nach erfolgreicher Absolvierung meiner Mitlebendskrise, komme ich diesen Fragen über Umwege näher. Ich zähle zu den Schnarchern mit Atemaussetzern. Gerüchteweise habe ich in meiner Universitätsstadt darin die höchste Punktzahl: Dauer und Häufigkeit pro Minute. Ich erinnere noch, wie die Stimme des Pflegers im Schlaflabor ins Weinerliche eskalierte, als ich ihm mitten in der Nacht andeutete, mein Weg zu Hause sei nur sieben Minuten und ich könnte jetzt auch gehen, wenn er mir wieder ungefragt diese Maske überstülpt.

So kommt es wie es kommt und ich finde mich mit Verdacht auf Hirntod in einem großen Wartesaal wieder. Die meisten der Anwesenden oder Abwesenden in ähnlicher Konstellation warten oder existieren in weißen Krankenhausbetten, was mir logisch vorkommt. Da ich kein Smartphone habe und die ausliegenden Zeitschriften fettgeranzt und fast aus dem vorherigen Jahrhundert mir erscheinen, schreibe ich gelegentlich Ideen in ein Heft. Mein Blick aus dem Fenster sucht Markantes, wie ein Eichhörnchen, dass braun durchs Grün hüpft. Das möchte ich nicht verpassen. Eine Sprechstundenhilfe gibt mir einen Fragebogen, schwarze Unterlage und einen extra Stift. Ich fülle übliche Fragen nach bestem Wissen und Gewissen aus. Mein Name ist aufgerufen worden. Schemenhaft erinnere ich einen weißen Mann, mit kurzen weißen Haaren, dazu Geruch von Desinfektionsmittel und zahlreiche Apparaturen. An frischer Luft werfe ich nochmals einen Blick auf das Formular mit dem grünen Stempel Z – U – S. Dazu ein Überweisungsschein. Mit Lesebrille erkenne ich im Abkürzungsverzeichnis: „Zu unkreativ zum Sterben“. Meine Gedanken besteigen ein Karussell. Aus meinem Ableben mit Hirntot scheint erst mal nichts zu werden. Der gelbe Überweisungszettel verweist an „A K U N“. Durch die Lesebrille suche ich ohne Ergebnis nach Erklärungen. Zu Hause am Rechner, ergibt sich: „Amt für Kreativität und Neben der Spur“. Trotz zahlreicher Ämterbesuche für mich ein unbeschriebenes Blatt.

Die Internetsuche ergibt eine Straße in unmittelbarer Nachbarschaft, die mir noch nie aufgefallen war. Am nächsten Tag mache ich mich auf die sieben Minuten, so die Auskunft, die ich in stolzen fünf bewältige. Irgendwo, muss ich aus meinem alten Leben abgebogen sein. Auch wenn ich glaube, alles, ja jede Gehwegplatte im Umkreis von fünf Kilometern zu kennen, kommt mir diese Straße so seltsam nichtssagend, bekannt und unvertraut zugleich vor. An der Auffahrt eines Gebäudes, welches den Charme eines vor zehn Jahren geräumten Gesundheitsamtes verströmt, finde ich das rostige Schild „AKUN“.

Diesmal bin ich der einzige Gast. Eine Dame an der Rezeption lebt permanente Geschäftigkeit bei Nicht – Geschäftigkeit. Ich ziehe eine Nummer. Erneut wirken Zeitschriften speckig und aus der Zeit gefallen. Einige Bilder, welche die Region zeigen, sind wellig angegilbt hinter Glasrahmen geklemmt, als würden sie bei Nichtanhaftung in Schwäche aus dem Rahmen gleiten. In lustloser Anordnung vegetieren Gesundheitsflyer, die für Dinge wie Krebsvorsorge im Embryonalstadium oder Anmeldung vielleicht geplanter Kinder zur Kita und die Vorzüge werben. „Das Coaching Bienchen“ greife ich mir. In Gartenfarben gehalten wird hier über Möglichkeiten des Coachings in allen Lebenslagen geworben. Auch bei Nichtannahme eines Antrages auf Hirntot oder allgemeiner Lebensunzufriedenheit werde das Bienchen tätig. Das eigene Potenzial in einem zu finden und herauszulassen. Ist das Bienchen was für mich? Ich lege es zur Seite. Gelegentlich reinträufelnde Ideen notiere ich in meinem Heftchen. Ein Eichhörnchen sagt sich nicht an, die Tristesse zu verdünnen. Als das Grün im Hof lange Schatten wirft, knipst die Dame das vibrierend unstete Energiesparlicht an, in dem alles noch sparsamer auf mich wirkt. War ich eingenickt? Ein Rucken. Ein Mann im weißen Kittel steht vor mir. Was ich mir eigentlich einbilde, ins Amt für Kreativität und neben der Spur zu gehen. Nach Aktenlage habe ich doch von beidem im Überfluss. Wozu jetzt noch das Gejammere. Soll ich doch froh sein, dass mein Antrag auf Hirntot nicht durchging.

Wie ich nach Draußen komme, erinnere ich nicht. Auf der Suche nach dem Haustürschlüssel, ein für mich eingeübter Griff, spüre ich es knistern. Der Bienchen Coaching Zettel. Ob er das ist? Dreihundert Meter weiter, beim Übergang in mir wieder völlig vertrautes, ja angelangweiltes, Terrain, möchte ich den Bienchenzettel in Nachbars Mülltonne werfen. Dann, wenn keiner guckt. Mein Name steht ja nicht drauf. Doch es knistert nicht beim Griff in die Taschen. Haustürschlüssel ist da. Bienchenzettel nicht. Überweisung zum nächsten Schritt auch nicht. Nun bin ich neugierig, wie es um mein Heftchen mit Ideen steht. Ich krame meinen Rucksack durch. Vierzehn Heftchen. Alle in sauberstem Schriftbild bis zur letzten Seite voll notiert. Da mach ich was draus. Morgen geht’s los.