Gehversuche

gehversuche

Ich lasse mich auf meinem reservierten Sitz im grünlichen Fernbus fallen. Vor mir steht eine Frau auf, die mir bekannt vorkommt. „Der Autor?“ Ich erinnere mich. Weiter geht es in eine westliche Stadt an der Ostsee. Freitags absolviere ich ein Blitzschachturnier, gegen starke jugendliche Konkurrenz. Danach fühle ich mich wie nach einem emotional – mentalen Waschgang. So wars geplant. Zahlen und Ergebnisse sprechen: „Kaum zerrupft von der Gegnerschaft, wie viele andere“. Der Weg ins Hotel geht zuerst bergab geradeaus. In der Altstadt: Eine Abkürzung. Alles kommt mir bekannt vor und auch nicht. Ich nestle an einem ausgedruckten Lageplan. Ein junger Mann mit Smartphone bietet seine Hilfe an. Fragt mich, weshalb ich kein Smartphone hab. Wir gehen in umgekehrter Richtung zum Hotel. Er macht meinetwegen den Umweg. Die zwei Kilometer verfliegen im Gespräch.

Heute morgen steht Schreiben auf dem Plan. Doch wie es mit dem Schreiben so ist. Das Dachzimmer ist eingeklemmt zwischen Maschinensurren des Innenhofs und Klumpern der Hotelreinigung. Schreibtisch: Im Dunklen. Wer schreibt heutzutage per Hand? Auf Kommando schreiben. Ist, wie auf Kommando kreativ sein zu wollen. Es passiert nichts. Ich surfe mit Laptop im Netz. Öffne Lounge – Musik, dann Braunes Rauschen, um mich aus beschriebenem Status zu neutralisieren, in einen anderen, schreibenden Zustand zu beamen. Nichts geht vor, nichts geht zurück. Mir fällt eine andere Geschichte ein. Könnt ich schreiben, um mich warm zu schreiben. Möchte in ein Fastfoodrestaurant mit Stromanschluss. Sachen im Rucksack packend bekomme ich den Einfall. Ein Nicht – Bescheidwisser – Block. Das Bescheidwissen ging mir schon in den letzten Jahren gelegentlich durch den Kopf. Die Welt füllt sich mit Bescheidwissern. Im Internet wird die die Lage der Dinge erklärt. Im realen Leben wächst die Zeit der Checker, die Bescheid wissen. Ihr Schwachpunkt: Sie sind borniert. Sozusagen blockiert, Unklares, Neues, sich Hinterfragendes an sich herankommen zu lassen.

Sie haben so schnell eine Antwort parat, dass sie diese andere Welt gar nicht betreten. Sie sind davon ausgeschlossen. Es ist, als sei die Welt von zwei Weiden aufgeteilt. Auf der einen weiden alle und die Bescheidwisser. Sie ist braun, trocken, abgeweidet. Jetzt kommt die KI dazu, die aus allen Zeugnissen der Bescheidwisser in Sekundenschnelle gescheite Auskünfte zusammenrechnet. Die Bescheidwisser – Weide: Abgeweidet. Die andere Weide auf der die schwindende Zahl der ratlosen, Kreativen, Abweichenden weidet, ist grün und saftig. Die wissenschaftliche Vorlage zu diesem Modell lieferte mir der Soziologe Hartmut Rosa, mit dem Buch „Unverfügbarkeit“. Nach Rosa führt das Streben der Menschen, sich alles der Berechenbarkeit zu unterwerfen, zu „Aggressionspunkten“. Das führt zu weit, das hier in Breite auszuführen. Jedem Interessenten sei empfohlen, einen Buchklappentext des Buchs von Rosa zu recherchieren. Jetzt zu meinem persönlichen Bezugspunkt. Beruflich setzte ich immer dann ein, wo Leute mit ihrem Latein am Ende waren. Also nicht mehr Bescheid wussten. Das regte meine Fantasie an. Dort blühte ich auf. Damals, die Betreuung von „Unbetreubaren“ fürs Jugendamt. Liegt eine Kindeswohlgefährdung, beispielsweise durch „Dauerkontakte mit der Polizei“ vor, kann das Jugendamt einen Betreuer als Alternative zu einer Fremdunterbringung vorschlagen. Kinder und Heranwachsende, die schon eine Handvoll Betreuer verschlissen oder versetzt hatten, machten sich das Aushängeschild der Unbetreubaren, Grenzgänger oder Systemsprenger zu eigen.

Ich nenne sie: Verhaltensoriginelle. Mit viel Begeisterung, vielen anerkannten Erfolgen und bis zum finalen Burnout, arbeitete ich mit diesen Verhaltensoriginellen zusammen. Von Betreuung möchte ich nicht sprechen. Noch immer rufen mich viele an, mit Freundin, Job oder anderweitig irgendwo gelandet, in Dankbarkeit. Doch meine Berufung ist, wo das Bescheidwissen endet. Denn: So meine Theorie: Das gehört nicht ausgeblendet sondern ist eine „fruchtbare Wiese“, sie mit Ideen und Texten zu beweiden. Wer weiß, was alles daraus entstehen kann? Willkommen im Nicht Bescheidwisserblock. Ein Block, in dem auch du veröffentlichen kannst, wenn du einen Text von 200 bis 700 Wörtern zum Nicht Bescheidwissen verfasst, einfach mailen! Er kann veröffentlicht werden, wenn er den Antidiskriminierungs – Disclaimer besteht und als geeignet eingeschätzt wird. Deine Chancen sind gut! Bitte füge ein Foto und eine Kurzbeschreibung / Kurzbiographie bei. Diese Beschreibung soll etwa 2 Sätze umfassen. Sie braucht sich nicht an übliche Autorenportraits halten. Einfach etwas, was dich aus deiner Sicht beschreiben soll. Da kannst du auch kreativ sein!Auf ein Neues, Jochen, Gründer des Nicht – Bescheidwisser Blogs.

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