Eoh

eoh

Es mag um 2020 sein. Meine Reise beginnt in der Express – Variante des Wolfszuges. Wolfszug? Er bindet lose meine entlegene Heimatregion an die Hauptstadt. Gemächlich ruckelt und gleitet es mit maximal 120 Km/h durch eine Landschaft, die mich an mein kindliches Lieblingsbilderbuch „Tom sieht den Nachtzug“ erinnert. Wechselnde sich aufschattierende und pastellisierede Grüntöne, halbverlassene Kleinstädte, Bahnhofsgemäuer, denen Birken aus Dächern wachsen. Gelegentlich hält der Zug. Nicht, weil da, wie anderswo, eine kleine bis mittlerer Großstadt wartet. Irgendwann muss man ja mal halten und umsteigen. Wenn meine Gedanken abschweifen, folgen sie den Rehen und Hirschen, die gelegentlich aus den Grüntönen grau grasend hervor und hinwegtreten, zu den Wölfen, die seit Maueröffnung 89 dieses Gebiet erobern. Wölfe, Rehe, Hirsche, Gedankenwandern, Traumgedankentaumeln …

Heute nicht. Ein älterer Herr, der Marke, „Ich brauche kein Hörgerät, die Leute sollen laut und deutlich sprechen, doch zuerst bin es ich, der hier spricht und ihr könnt mich ja gut verstehen, sonst spreche ich noch lauter…“ hat ein Opfer gefunden. Eine allein reisende Person, die Ja sagt, zuhört und gelegentlich eine Verständnisfrage stellt. Er, nennen wir ihn E o H (Erwin ohne Hörgerät), wird langsam lauter. Durch das aktive Zuhören seines Opfers trudelt er in orgiastischen Dopaminströmen, wie im Spassbad, wenn das Sprudeln an den Düsen wieder angeht und alle Massagebedürftigen aufschwemmt. Nun übertönt er meine Kopfhörermusik. Gespräche im rund 50 Sitze fassenden Großraumabteil verstummen. Worum geht’s? Um alles! Erwin erklärt seiner Sitzpartnerin und den Unfreiwilligen des Großraumabteils die Welt. Impulse finden sich in den wenigen Details, die am Wolfszug vorbeigleiten. Diese werden „bescheidwissergerecht“ zurechtseziert und dem Anekdoten und Erklärbär – Repertoire des Seniors zugeordnet. Ergebnis: Der Reisende ohne Reizfilter, auf dem Reiseweg zu neuen Inspirationen jenseits seines kleinen Heimatortes, wird zur Geisel von E o H. Der Mann ist so laut. Er wiederholt sich. Seine Aussagen dringen ein, Alternatives zur Seite brechend. Er weiß immer Bescheid. Ob es Halbwissen ist? Ob es rassistisch ist? Ob es nur Zuordnungen eines völlig anderen Phänomens zu einem Erzählpunkt des Redners ist? Egal. Bescheidwissen hat Vorfahrt. Ob den anderen Zuggästen etwas anderes durch den Kopf gehen mag, sie vielleicht lesen, sich unterhalten, aus dem Fenster schauen, dösen, schlafen wollen? Egal. E O H zermalmt alles. Eine Planierraupe, die beim sprachlichen Straßenbau wendet, zurücksetzt und auch Grashalme die im Bau stehenbleiben könnten, zermalmt, zu einem Einheitsbrei.

Was hilft gegen Erwin? Hilft gar nichts mehr, wie ein nahender Durchfall während des Stadtbummels, mit unabsehbaren und unabriechbaren Folgen…  Hilft es da, sich dem Schicksal völlig hinzugeben? Hilft es, sich Erwin zu ergeben und einfach zuzulassen, dass er die zweieinhalbstündige Reise im Wolfszug nun zu 95% dominieren wird? Eine Option ist die Flucht in den Speisewagen. Eine weitere Option: Die Zauberfrage der Kreativität. „WER WEISS, WOZU DAS GUT IST?“ Diese Zauberfrage hilft nicht im Moment. Doch jetzt, wenn ich diese Zeilen schreibe, werde ich vom Opfer zum Gestalter. Mein Frusterlebnis, von Erwin missbraucht zu werden, wandelt sich in eine poetischen Kreation. Erwin, Name frei erfunden, wird Gründungsvater und Trauzeuge des NICHTBESCHEIDWISSERBLOGS. Denn, wer könnte Phänomene, Leid und Freud des Bescheidwissens und Nichtbescheidwissens besser durch sein Verhalten verdeutlichen als Erwin? Seien wir gemeinsam Erwin dankbar. Legen wir jetzt alles beiseite. Eine Minute für Erwin.

5
1